Offen und unverblümt seine Meinung zu äußern bedeutet, Tacheles zu reden. Ich muss auch mal Tacheles reden, weil mir bei der Lektüre von zahlreichen Kommentaren und Artikeln über die Sammlungsbewegung Aufstehen .

Das Kind war noch nicht auf dem Weg zur Taufe, da ging es schon los mit Diffamierungen, Unterstellungen und der medialen Schlammschlacht. Ganz vorne dabei ist ein großer Teil des linken politischen Spektrums plus die neoliberale Pseudosozialdemokratie und ihr nahestehende Medien.

Es wäre ja durchaus zu verstehen, würde aus den konservativ-liberalen, den neoliberalen und aus den rechtsdraußen Reihen heraus auf die im Entstehen begriffene Bewegung geschossen. Dass aber von links ein solch massiver Giftpfeilhagel auf „Aufstehen“ niedergeht, kann ich nur als erbärmlich und unterirdisch bezeichnen.

In Vorwärts, der Zeitung der deutschen Sozialdemokratie, ist zu lesen, Aufstehen sei eine Bewegung für Verlierer und sie habe die Dynamik einer Herzsportgruppe für 90-Jährige. [1] Sind die noch zu retten?

Diese Allianz ist eine Bewegung für Verlierer. Und zwar nicht nur für Verlierer von „Globalisierung, Freihandel, Privatisierung und EU-Binnenmarkt“, wie es im fünfseitigen Aufruf von Wagenknecht und Co. heißt, sondern auch für Verlierer des innerparteilichen Wettstreits.

Aus: Vorwärts, 4. September 2018.
Gerne wüsste ich, was Willy Brandt davon gehalten hätte. Sein „Lasst uns mehr Demokratie wagen!“ ist in der stromlinienförmigen SPD unerwünscht. Parteigenossen, die bei Aufstehen mit von der Partie sind, werden zu Losern erklärt und mit ihnen die bis dato fast 110.000 Menschen, die ihr Interesse an der Sammelbewegung bekundet haben. Und wahrscheinlich auch die, die noch folgen werden. Vorwärts gibt sich eben nicht mit halben Sachen ab. Im Klartext: Wenn schon in die Scheiße greifen, dann richtig tief.

Was macht es schon, wenn Menschen verhöhnt werden, die Opfer sozialdemokratischer Politik geworden sind und sich nun anschicken, die Politik aktiv mitzugestalten, um ihr eine andere Richtung zu geben? Den Machern von Vorwärts möchte ich zurufen: Macht weiter so Leute, aber besorgt Euch Taucheranzüge, denn ihr werdet noch tiefer in die Exkremente der Unfairness sinken.

Heimtücke und Neid
Überhaupt ist die Journaille schnell dabei, unzufriedene Menschen als Rechte oder gar Nazis zu beschimpfen. Man scheint sich einig, dass jede Kritik an den Fehlern des System rechts sein muss. Und das Oskar Lafontaine und Sahra Wagenknecht die Spalter der Linken sind und nationalistisch sowieso. Die Huffingtonpost [2] jubelte ihnen und denen, die Hoffnungen in die Sammelbewegung setzen, vorauseilend, aber vorsorglich nur indirekt in einem Nebensatz ein gestörtes Verhältnis zum Grundgesetz unter und schwadronierte über die Gefahr für die Demokratie, die hinter Aufstehen bestehen würde. Das ist heimtückisch.

Die Gefahr einer linken Sammlungsbewegung besteht darin, dass sie die Bedeutung der etablierten und zweifelsfrei demokratischen Parteien auf Kosten von radikalen Strömungen relativieren könnte.

Aus: HuffPost, 11. August 2018.
Könnte es sein, dass purer Neid die Wahrnehmung von so manchem dunkelroten Schreiber negativ beeinflusst, weil Wagenknecht und Co. innerhalb kürzester Zeit so viele Menschen mobilisieren konnten?

Skepsis an Aufstehen ist ja durchaus angebracht. Wer mobilisiert, muss zeigen, dass er es wirklich ernst meint. Aber dem Vorhaben sofort mit Borniertheit, Intoleranz und Engstirnigkeit zu begegnen? Was soll das? José Mujíca, der ehemalige Präsident Uruguays, sagte, was sich so manch ewiggestriger Genosse zu Herzen nehmen sollte: „Toleranz bekommt erst dann ihren Wert, wenn sie gegenüber Andersdenkenden ausgeübt wird.“

Damit sind mit Sicherheit keine Faschisten oder Rassisten gemeint, sondern Menschen, die sich berechtigt Gedanken über die Zukunft der Gesellschaft machen und eben andere Vorstellungen haben, wie die aussehen soll.

Der ideologische Aluhut
Mein persönliches Fazit: In den etablierten Parteien hat man die Hosen gestrichen voll, weil offensichtlich die Möglichkeit besteht, dass es Bürgerinnen und Bürger nun tatsächlich wagen, in die Politik einzugreifen. In diesem Fall wäre Schluss mit lustig und auch Schluss mit der Alleinherrschaft der Parteikader. Was nämlich viele, ich nenne sie schmeichelhaft „Kritiker“, weglassen, ist, was die Initiatoren der Bewegung anbieten: Es ist lediglich ein grober Rahmen. Das Programm sollen die teilnehmenden Menschen selbst in Foren und Kongressen erarbeiten und festlegen. Passt das rein ins eingefahrene Weltbild? Offenbar nicht.

Ach, noch etwas. Wer den ideologischen Aluhut abnimmt, der wird wahrscheinlich bemerken, dass unser Planet dabei ist, uns um die Ohren zu fliegen. Wenn nicht durch Krieg, was nicht ganz unmöglich erscheint, dann durch Klimaveränderung und Umweltverschmutzung.

Das alles kann nur verhindern werden, wenn die Faschos endlich medial ausgegrenzt werden, man die übrigen ideologischen Befindlichkeiten vergisst und gemeinsam anpackt, den Karren aus dem Dreck zu ziehen. Denn der Natur ist es egal, wer links, rechts, oben oder unten ist. Wer das nicht kapiert, der hat nicht nur die Zeichen der Zeit nicht erkannt, sondern lebt in einer Parallelwelt.

[1] Vorwärts: „Aufstehen“: Eine Bewegung für Verlierer. Auf https://www.vorwaerts.de/artikel/aufstehen-bewegung-verlierer (abgerufen am 06.09.2018). ↩

[2] Huffingtonpost: Wie Wagenknecht und die AfD die Demokratie in die Zange nehmen. Auf https://www.huffingtonpost.de/entry/wie-sahra-wagenknecht-und-die-afd-das-demokratische-system-in-die-zange-nehmen_de_5b6ed153e4b0bdd062098f23 (abgerufen am 06.09.2018). ↩

Illustration: OpenClipart-Vectors (Pixabay.com, Creative Commons CC0).

 

Der Artikel erschien am 6. September in unserer Partnerseite:https://neue-debatte.com/