Dieser Beitrag erschien am 28. Juni 2017 im Online Magazin Neue Debatte Journalismus und Wissenschaft von unten. Es kann sein, dass manche Stammleser des Magazins sich noch an ihn erinnern können. Für die Leser meines neuen Blogs, poste ich ihn erneut, um mich bei ihnen vorzustellen. An meiner Situation hat sich nichts gravierendes geändert und deswegen widme ich meine Zeit halt etwas, was ich für sinnvoll halte, dem Schreiben

 

Als Bezieher der Grundsicherung ist es nicht gerade einfach an die Öffentlichkeit zu gehen und sich zu „outen“. Da ist dieses verdammte Stigma, welches so gut wie jedem anhaftet, der Hartz-IV in Anspruch nehmen muss. Auch mir.

Die Gehirnwäsche der „Hartz-IV-Schöpfer“ hat sehr gut funktioniert und so ist es nicht verwunderlich, dass es eine große Gruppe von Menschen in der Gesellschaft gibt, die noch heute glaubt, Hartz-IV-Empfänger würden zurecht auf den Holzbänken der 3. Klasse sitzen. Sie haben vergessen, über wen sie reden.

Sätze wie „Es gibt kein Recht auf Faulheit!“ von Gerhard Schröder (SPD) oder „Wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen!“, 2006 vom ehemaligen SPD-Arbeitsminister Franz Müntefering ausgesprochen, haben sich unauslöschlich in viel zu viele Köpfe eingebrannt.

Dabei drängt sich mir die Frage auf, wie sich im Moment von Münteferings Statement zum Beispiel die Mitarbeiter des Chiphersteller Infineon gefühlt haben mögen, die in München-Perlach ihre Jobs verloren, weil die Konzernbosse das Stammwerk dichtmachten. Oder was die Belegschaften von den unzähligen anderen Firmen gedacht haben mögen, die pleitegingen oder aus wirtschaftlichen Gründen ins Ausland verlagert wurden und deren Mitarbeiter keine neue Anstellung fanden.

Franz Müntefering und Gerhard Schröder sind natürlich nicht alleine verantwortlich für die Konstruktion der Hartz-IV-Gesetze, die sich gegen die eigene Bevölkerung gewendet haben. Auch nicht ein Wolfgang Clement, 2002 bis 2005 Bundesminister für Wirtschaft und Arbeit im Kabinett Schröder, der Stimmung gegen Arbeitslose machte.

Gewerkschafter, Unternehmensvertreter und Politiker arbeiteten in der Hartz-Kommission mit oder votierten im Bundestag für Arbeitsmarktreform und Hartz-Gesetze. Und natürlich ist da noch der ehemalige VW-Manager und Ex-Kanzlerberater Peter Hartz selbst, dessen Name zum Synonym für Armut wurde.

Sie zusammen öffneten einer kalten und asozialen Politik Tür und Tor, die die Gesellschaft gespalten hat und einen erheblichen Teil an Solidarität und Empathie zerstörte.

Es geht ans Eingemachte

Die Medien trugen ihren Teil zur Entwicklung bei, an vorderster Front die Boulevardpresse, vor allem die Bild-Zeitung und einige private Fernsehsender. Sie dichteten den Hartz-IV-Empfängern das Image des ungebildeten und arbeitsscheuen Menschen an, das sich in den Hirnen eines sehr großen Teils der Bevölkerung eingenistet hat und sich bis heute dort hält.

Mir kann aber niemand erzählen, dass die Mehrheit der Menschen, die eine Grundsicherung bezieht, diesem Bild entspricht. Laut Statistik sind in Deutschland fast 4,5 Millionen Menschen, die davon betroffen sind. Ja, sie sind betroffen.

Denn ihr Alltag ist sehr hart, wie die täglichen Berichte des Journalisten Michael Wögerer über das Leben mit Mindestsicherung zeigten. Leider sind seine Beschreibungen unvollständig. Sie sind es, weil es sich um ein zeitlich begrenztes Experiment handelte. Er wusste, dass es nach 31 Tagen vorbei ist und er wusste auch, dass er in den 31 Tagen keine Sanktionen zu fürchten hat. Ich gehe deshalb davon aus, dass er sich nicht wirklich minderwertig fühlte. In der Realität geht es aber ans Eingemachte, an das Selbstwertgefühl und an die Selbstbestimmung.

Hosen runter, Selbstbestimmung weg

Ein Mensch, der in die unsägliche Situation gerät, sich nicht mehr von eigener Arbeit ernähren zu können, weil er sie verloren hat oder er so wenig Gehalt für sie erhält, dass das Einkommen nicht bis zum Monatsende reicht, der weiß nicht, wann dieser Zustand beendet ist.

Befindet man sich über einen längeren Zeitraum in dieser Situation, kann es durchaus passieren, das einem das Selbstwertgefühl nach und nach abhandenkommt – das macht krank.

Die Selbstbestimmung ist man direkt zu Anfang los, wenn es heißt: „Hose runter!“ Sämtliche Ersparnisse, die Maßnahmen, die man in früheren Jahren getroffen hat, um im Alter abgesichert zu sein, all das Finanzielle muss beim Jobcenter offengelegt werden. Vieles muss aufgebraucht werden, bevor die Mindestsicherung greift.

Abzüglich der Miete und des Abschlags für die Stromversorgung bleiben einem Alleinstehenden im Monat etwas über 300 Euro. Ja, man kann davon leben, allerdings bleibt es beim Leben. Mit dem Bezug der Mindestsicherung beginnt die soziale Isolation.

Der Fernseher als bester Freund

Reisen, Urlaub oder Auto sind Vokabeln, die man gleich aus seinem Sprachgebrauch streichen kann. Besuche im Theater oder im Kino und Verabredungen in der Kneipe nebenan oder im Restaurant an der Ecke sind nicht mehr möglich. Alle Vergnügungen, die Geld kosten werden zum Tabu, selbst wenn Freunde dazu einladen. Wer lässt sich schon gerne ständig aushalten?

Es passiert daher sehr leicht, dass man sich zurückzieht. Die sozialen Kontakte nehmen ab und der heimische PC und der Fernseher werden zu den besten Freunden. Die daraus resultierende Vereinsamung geht nach einiger Zeit unweigerlich an die Psyche. Depressionen stellen sich ein. Mir ist es zumindest so ergangen und ich habe aktuell immer noch Schwierigkeiten damit.

Mir ist bewusst, dass ich nur einer von Abermillionen Menschen bin, die sich in der misslichen Lage befinden, eine Mindestsicherung zu beziehen und es ist mir klar, dass es darunter Menschen gibt, denen es schlechter geht als mir, dennoch will ich meinen Werdegang beschreiben.

Die ersten Jobs

Nachdem ich meine Schullaufbahn abbrach, suchte ich mir sofort eine Lehrstelle als Trockenbaumonteur, um meinen Eltern nicht finanziell zur Last zu fallen. Nach der bestandenen Facharbeiterprüfung arbeitete ich noch zwei Jahre in diesem Beruf.

Da sich dieses Berufsbild mit der Zeit immer weiter von meinen Vorstellungen entfernte, begann ich, mich nach etwas anderem umzusehen, um mich beruflich neu zu orientieren. Irgendwann Mitte der 80er Jahre landete ich in einem Betrieb für Industrielackierung.

Die Arbeit gefiel mir sehr, da ich aber in der Firma keine Möglichkeit hatte, mich in diesem Beruf zu qualifizieren, wechselte ich in ein mittelständisches Unternehmen, das mir nach einer Einarbeitung von zwei Jahren, die Gelegenheit bot, meinen Facharbeiterbrief als Kfz-Lackierer nebenberuflich nachzuholen.

Ich arbeitete dann dort bis kurz vor der Jahrtausendwende. Hätte die Firma nicht geschlossen, würde ich wahrscheinlich immer noch dort arbeiten. Die Firma wurde jedoch an einen ausländischen Konzern verkauft und es erging dem Betrieb genauso wie vielen in der damaligen Zeit: die Patente wurden aus der Firma gezogen und danach wurde sie abgewirtschaftet.

Nackenschläge und ein Beruf mit Zukunft

Das war ein erster Nackenschlag. Wie viele andere Kollegen hatte ich mich mit dem Betrieb identifiziert und gern in ihm gearbeitet. Zum Glück konnte ich nahtlos eine andere Arbeitsstelle antreten. Zwei Jahre später musste ich mich leider hintereinander zwei Knieoperationen unterziehen und in der darauf folgenden Reha teilte man mir mit, dass ich meinen Beruf nicht mehr ausüben könne. Das war der zweite Nackenschlag.

Schon während der Reha fand in der Klinik ein Informationstag vom Rententräger statt, in dem man Berufsunfähigen Möglichkeiten aufzeigte, sich umzuorientieren, sprich, eine Umschulung in Anspruch zu nehmen.

Man riet uns, nicht ausschließlich die Angebote der Arbeitsämter in Anspruch zu nehmen, sondern auch Eigeninitiative zu zeigen, selbst nach Möglichkeiten der Veränderung zu suchen und diese vorzuschlagen. Genau das tat ich.

Wer meinen kurzen Lebenslauf in der Vorstellung der Autoren hier auf Neue Debatte gelesen hat, der weiß, dass ich während meiner Freizeit an einer privaten Kunstakademie Airbrush Design studiert habe und so kam ich auf die Idee, eine Umschulung in einem Verwandten Bereich zu beginnen – als DTP-Grafikdesigner. Die Akademie, an der ich Airbrush Design belegt hatte, bot staatlich anerkannte Umschulungen an und so nahm ich Kontakt mit dem Institut auf.

Ich bekam sogar von einem mir bekannten Grafikstudio eine schriftliche Zusage, dass ich bei entsprechender Ausbildung einen unbefristeten Arbeitsvertrag bekäme. Mit all dem bewaffnet sprach ich beim Arbeitsamt vor.

Dort bekam mein Optimismus einen Dämpfer, als man mir mitteilte, dass man erst überprüfen müsse, ob ich für diesen Beruf geeignet sei. Man schickte mich zu einem Berufsbildungswerk, wo man nach einer Woche voller Tests zum Schluss kam, dass ich ungeeignet wäre – es hieß, ich sei farbenblind.

Man stelle sich vor: 16 Jahre Berufserfahrung als Lackierer, unzählige Male Farben angemischt, künstlerisch in der bildenden Kunst tätig und dann heißt es, man sei zu dem Schluss gelangt, ich sei für eine Umschulung als DTP-Designer nicht geeignet, weil ich Farben nicht richtig erkennen könne.

Mein Widerspruchsschreiben nutzte nichts. Mir wurde geraten, mir einen Beruf mit Zukunft zu wählen: ich möge doch eine Umschulung zum Bürokaufmann machen. Das war der dritte Nackenschlag.

Plötzlich Lehrer

Das Leben nimmt zuweilen unerwartete Wendungen, stellte ich fest, als eine Offerte aus einer Ecke kam, mit der ich überhaupt nicht gerechnet hatte. Ich bekam ein Angebot als Spanischlehrer, um in einem privaten Bildungswerk für Erwachsene zu arbeiten.

Nach einer kurzen Probezeit bekam ich sogar einen unbefristeten Arbeitsvertrag, was in dieser Branche nicht gerade üblich ist. Während der 13 Jahre die ich dort arbeitete, betreute ich Firmen, die ihre Mitarbeiter ins Ausland schickten.

Als die Aufträge für das Bildungswerk ausblieben, beschloss ich mich selbstständig zu machen. Ich nahm die Hilfe des Teams „Selbstständige“ des für mich zuständigen Jobcenters und dessen Kredit an. Um es kurz zu machen: Nicht jeder ist für die Selbstständigkeit geeignet.

Ich musste erkennen, dass ich an meine Grenzen gestoßen war. Psychisch stark angeschlagen, warf ich das Handtuch, meldete Privatinsolvenz an und beziehe seitdem eine Grundsicherung.

Die Luft ist raus

Ein letztes Mal raffte ich mich auf, um mich aus dieser Lage zu befreien, als ich erfuhr, dass die Möglichkeit besteht, ohne Abitur zu studieren. Immerhin hatte ich eine langjährige Erfahrung im Unterrichten.

Ich fand sogar einen Studiengang, der zu meiner Tätigkeit passte: Spanische Sprache und Kultur und Geschichte.

Ich schrieb die Universität Essen/Duisburg an und bekam einen Termin bei dem dafür zuständigen Professor. Der war davon angetan, das ein knapp 50-jähriger sich traute ein Regelstudium anzugehen.

Die Ernüchterung kam allerdings schnell danach, als man mir im Jobcenter mitteilte, dass man als Hartz-IV-Empfänger nicht studieren kann, weil einem Studenten keine Grundsicherung zusteht. BAföG kam auch nicht infrage, weil ich dafür zu alt sei.

Das alles hat meine Kraft förmlich herausgesaugt und es haben sich danach schwere Depressionen eingestellt. Zum Glück gibt es einige wenige Menschen in meinem Leben, die mir dabei geholfen haben wieder aufzustehen.

Ich glaube, es gibt weitaus schlimmere Schicksale, allerdings muss ich gestehen, dass mir persönlich die Luft ausgegangen ist. Es war ein langjähriger Kampf, den ich geführt habe, um nicht von der Allgemeinheit ausgehalten zu werden, den ich zu guter Letzt doch verloren habe.

Das Abso­lu­tum der Wirtschaft

Wie ich eingangs schrieb, bin ich nur einer von 4,5 Millionen Hartz-IV-Empfängern und vielen davon ist es schlechter ergangen. Der größte Teil davon ist nicht Schuld an der Situation und dennoch sind sie durch das Zutun von Politikern und Medien stigmatisiert worden.

Aussagen wie die von Schröder, Müntefering, Clement & Co., wie ich sie oben angeführt habe, sind Ohrfeigen für die Zigtausenden Stahlarbeiter, Werftarbeiter, Bergleute, die Mitarbeiter von Autoherstellern und aus anderen Branchen, die ihre Arbeitsplätze verloren und keinen Ersatz dafür bekamen.

Sie sind die Opfer einer sich wandelnden Wirtschaft, die die Profitmaximierung zum Abso­lu­tum erklärte. Im Einklang mit der Politik wurden die Arbeitslosen entmenschlicht und ihr Beitrag, den sie zum Wohlstand der Gesellschaft geleistet haben, geriet in Vergessenheit. Sie wurden zum Bodensatz der Gesellschaft.

Es gibt Solidarität

Die Solidarität ist zum Glück nicht gänzlich abhandengekommen, wie Michael Wögerer gezeigt hat, der einen Monat lang wie jemand lebte, der eine Grundsicherung bekommt.

Er hat recht, wenn er sagt, dass nur derjenige der dauerhaft von Armut betroffen ist, weiß, was es wirklich bedeutet. Ich möchte mich bei ihm bedanken, dass er dieses Experiment wagte, etwas, was kein Politiker, egal welcher Couleur auf sich genommen hat – bis auf eine rühmliche Ausnahme: der Landessprecher der Grünen in Wien, Joachim Kovacs.

Beiden gilt mein Dank, weil ihre Berichte mich dazu ermutigt haben, über mich zu schreiben.


Fotos: Jairo Gomez (privat)