Am 1. Februar wäre José Luís Sampedro 101 Jahre alt geworden. Er war ein spanischer Wirtschaftswissenschaftler, Humanist und Buchautor. Bisher war er in Deutschland eher in Fachkreisen bekannt, das dürfte sich aber nachdem 12. April geändert haben, als die Verfilmung eines seiner Bücher, „Das etruskische Lächeln“  in die Kinos kam.

In einem  Fernsehinterview im spanischen Fernsehen, wurde er gefragt, was er von der Demokratie halte. Sinngemäß antwortete er folgendes:
„Es gibt in Spanien keine Demokratie, aber außerhalb auch nicht. Wo ist denn diese Demokratie?

José Luís Sampedro

Die öffentliche Meinung ist keine öffentliche Meinung. Sie ist nicht das Ergebnis vollkommen durchdachter Ideen der Menschen. Es gibt zwei Gründe dafür:
  1. Wir sind im allgemeinen nicht zum selbstständigen Denken erzogen. Das eigene, kritische Denken findet nicht statt. Die Menschen tun es einfach nicht. Vor Wahlen wird in der Regel nicht vernünftig abgewogen, ob dieses oder jenes besser oder schlechter ist. Es wird mehr aus dem Bauch heraus gewählt, wegen der Eigenschaften desjenigen der spricht, wegen seiner Stimme, wegen der Lügen die er oder sie erzählt und akzeptiert werden.
  2. Die existente Macht, die heute die wirtschaftliche Macht ist, beherrscht die Informationsmedien und impft den Menschen durch sie die Ideen ein. Die Menschen urteilen heute auf Grund dessen was sie im Fernsehen sehen und in den Zeitungen lesen. Vor allem werden sie von dem beeinflusst, was sie im Fernsehen vorgesetzt bekommen. Sie wählen gemäß dem, was man im Fernsehen sieht und sagt und denken überhaupt nicht an das, was man ihnen an Informationen vorenthält. Was man als die öffentliche Meinung bezeichnet, ist in Wirklichkeit eine mediale Meinung. Eine Meinung die durch die Erziehung und durch die Medien geschaffen worden ist. Beides im Interesse der Macht, weil sie die Erziehung und die Medien kontrolliert. So einfach ist das.

Wir müssen aber nach vorne schauen und Schlachten schlagen, egal ob wir sie verlieren oder gewinnen, weil sie uns bestätigen und uns einen.“

Treffender kann die Zustandsbeschreibung der Demokratien rund um den Globus kaum sein. Egal wohin man blickt, ob nach Europa, in die USA oder nach Lateinamerika, die sozialen Errungenschaften, die mit der Schaffung demokratischer Systeme, in zähen Kämpfen erreicht worden sind, werden seit längerer Zeit, nach und nach wieder abgeschafft. Das läuft dann unter dem Begriff „Reformen“, weil es sich der breiten Masse so besser vermitteln lässt. So zumindest stellt man es sich den Kreisen der neuen „Macher“ innerhalb der Politik vor.
Es gehe im Zuge der Globalisierung darum, konkurrenzfähig zu bleiben. Man hat so die Ängste vor dem Verlust von Arbeitsplätzen erfolgreich geschürt. Das hat zur Folge gehabt, dass die Arbeitnehmerseite niedrigere Löhne und harte soziale Kürzungen hingenommen  und diese Abspeisungen  fast schon als Erfolg angesehen hat.

Ein „Fliegender Holländer“?

Bei den sozialen Kürzungen ist es nicht geblieben. Im Zuge der Terrorbekämpfung, die sich an die Anschläge vom 11.09.2001 auf das World Trade Center anschloss, sind Bürgerrechte in großem Umfang eingeschränkt worden, zum Schutz der westlichen Lebensart natürlich.Was aber bleibt von dieser Lebensart übrig, wenn Geheimdienste die Möglichkeit haben, die Privatsphäre von Bürgern massiv zu verletzen?

Was für eine Lebensart ist das, wenn damit begonnen wird, die  Meinungsfreiheit massiv einzuschränken?
Was für eine Lebensart ist das, wenn Pressefreiheit nur dann gewährleistet ist, wenn Medien immer mehr gleich geschaltet sind und hauptsächlich das berichten, was den Statthaltern der wirklichen Macht, in Washington, London, Paris und Berlin opportun erscheint?
Was ist das für eine Lebensart, die man auf Gedeih und Verderb anderen aufpfropfen will?

Es ist eine Lebensart, bei der man dabei ist, ihr durch all diese Einschränkungen, die Seele und das Herz zu rauben. Die Demokratie, die ja einer der wichtigsten Bestandteile dieser so gepriesenen Art zu leben ist, verwandelt sich dabei immer mehr in eine Art „Fliegender Holländer“. Einem Schiff dessen Kapitän Gott und die Naturkräfte verfluchte, als er vergeblich versuchte das Kap der guten Hoffnung zu umsegeln. Als Strafe dafür, war er dazu verdammt, auf ewig mit seinem Geisterschiff auf den Weltmeeren zu kreuzen.
Jedem Schiff das ihm begegnete, war Unglück vorbestimmt.

Wollen wir nicht für dieses Unglück für andere und uns verantwortlich sein, müssen wir wie José Luís Sampedro mahnte, damit beginnen Schlachten zu schlagen.

Fotos:
Beitragsbild: Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=656319
José Luís Sampedro: Von Iñigo González from Guadalajara, Spain – Cropped image from Mi padre con José Luís Sampedro, CC BY-SA 2.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=25548875